Interview zum Thema – Heute: Über den Einsatz von Lehrbüchern und Unterrichtsmaterial

INTERVIEW: Guten Morgen, Nils! heute wollen wir darüber sprechen, welches Unterrichtsmaterial Du einsetzt, inwieweit Du Lehrbücher für den Geigenunterricht verwendest, und ob es welche gibt, die Du empfehlen würdest.

Nils Doormann: Oh, ja, das ist ein vielschichtiges Thema. Es gibt ja viele Standardwerke, wie zum Beispiel die Schulen von Hohmann-Heim, Doflein, Gorbatov, die Suziki-Hefte und dann die neueren, Saßmannshaus, Bruce-Weber, uswusf…

INT: Gibt es dabei welche, die Du empfehlen kannst?

ND: Nun, während die älteren Werke ihrer Zeit und ihrem Bildungskonzept stilistisch Rechnung tragen, versuchen die neueren in ihrer Aufmachung das Unterhaltungsmoment zu betonen und mit zu erlernenden Techniken des Geigenspiels zu kombinieren. Interessanterweise verfolgt jedes der neueren Hefte einen eigenen Lehr- und Lernansatz: So beginnen zunächst alle mit dem Zupfen oder dem Strich auf den leeren Saiten, danach teilt sich der Fortlauf recht schnell auf, wenn es zum Beispiel um den Einsatz der Finger der linken Hand geht. Das eine Heft beginnt mit dem ersten Finger, das andere mit dem zweiten, wieder ein anderes mit dem dritten, alles mit einer gewissen Daseinsberechtigung. Von den genannten macht Suziki eine gewisse Ausnahme, denn mit den Büchern ist ein ganzheitliches pädagogisches Konzept verbunden, das im Zusammenhang mit den Büchern angewendet werden sollte. Jedoch legt der Ansatz des jeweiligen Heftes den Grundstein für das Lehrkonzept im fortlaufenden Unterricht. Als Lehrkraft ist man somit gezwungen, sich für den einen oder anderen Ansatz zu entscheiden, sollte man eine bestimmte Buchreihe konsequent durchgehen wollen.

Womit wir eigentlich bei der Kernproblematik des Themas sind. Für welche Werke entscheide ich mich als Lehrkraft, welchen Stil verkörpert dieses oder jenes Lehrheft, welchen pädagogischen Ansatz?, Wird dieser durch die Buchreihe hinweg konsequent verfolgt? Kann ich das, was das Buch vermitteln will, authentisch im Unterricht nahebringen? Entspricht das meinem Lehrkonzept?

Vor diesem Hintergrund fällt es schwer, die Wahl für genau das eine Lehrwerk zu treffen.

INT: Okay, aber wie handhabst Du das?

ND: Ich halte das – und zwar schon seit Beginn meiner Lehrtätigkeit vor fast 20 Jahren – so, dass ich Schulwerke und Lehrbücher als Inspirationsquelle betrachte für Dinge, die man bei Bedarf in den Unterricht einfliessen lassen kann. Damit habe ich gute Erfahrungen gemacht, und ich weiß von Kollegen, die das ähnlich handhaben.

INT: Also ein loses Sammelsurium von Noten? Leidet nicht das Konzept darunter?

ND: Man muss sehen: es gibt ja eine Unmenge an Geigenliteratur, also Lieder und Notenmaterial, aus den verschiedenen Epochen und Stilrichtungen. Ebenso gab es eine Unzahl an Geigern und Lehrmeistern, die ihre Erfahrungen im Spiel und Lehren gemacht haben und diese über Generationen weitergegeben haben. Da muss man nicht das Rad neu erfinden. Letztlich erfordert das Geigenspiel eine bestimmte Technik, genauer: Wenn Du bestimmte Dinge auf der Geige machen möchtest, dann musst Du Dir bestimmte technische und inspirative Voraussetzungen schaffen. Der Weg ist im Prinzip dadurch geebnet, nur das Gehen will gelernt sein.

INT: Das klingt gut, aber auch noch sehr theoretisch…

ND: Es liegt aber genau darin die Kunst des erfolgreichen Unterrichtens: Den Schüler gemäß seiner Natur sehend zu machen, ihn erkennen zu lassen, welche Wege das Geigenspiel bietet und ihn dort die Schritte gehen zu lassen. Jeder Mensch ist aber anders drauf, der eine ist experimentierfreudig, der andere zurückhaltend, einer wieder ist ein Träumer, der nächste hat persönliche Befindlichkeiten. Es gibt eine Vielzahl von Faktoren, die das Lernen beeinflussen. Da ist mit einem standardisierten Lehrbuch, das für alle gleichermaßen durchgearbeitet wird, nicht geholfen.

Wem nützt es, die hundertste Version von „Freude, schöner Götterfunken“ auf den leeren Saiten begleitend zu spielen? Klingt der Strich dadurch besser? Weiß das lernende Kind deswegen, was eine Kadenz ist? Ist das Klassik? Wer’s glaubt, darf diesen romantischen Gedanken weiterträumen: Mein Kind spielt Beethoven! Ohaa!

Das Geigenspiel erfordert die Aufmerksamkeit aller Sinne, nicht nur des Hörens. Vor allem Kinder nehmen das Geigenspiel mit all ihren Sinnen wahr, durch das Hören, das Fühlen, den Geruch und Geschmack (der holzigen Geige, des Kolophoniums), das Sehen und nicht zuletzt durch das Empfinden der Musik. All das verarbeiten sie und möchten darüber reflektieren. Deswegen ist es nicht unerheblich, eine geeignete Auswahl des Repertoires auf den Schüler bezogen zu treffen, die inhaltlich und stilistisch den Bogen spannt zwischen Interesse und geigentypischer Herausforderung.

INT: Aber handelt es sich nicht genau das, was in Lehrbüchern zu finden sein sollte?

ND: Wenn ein Lehrbuch drei oder vier Stückchen auf leeren Saiten präsentiert, um anschliessend zum nächsten Thema zu kommen, während das Kind noch nicht bereit dafür ist, bin ich als Lehrkraft mit dem Buch an eine Grenze gestossen. Mir bleiben dann zwei Möglichkeiten: Entweder bin ich so flexibel und biete Ergänzungsmaterial an, oder ich ziehe das Buch gnadenlos durch. Im ersten Fall wird damit das Konzept des Buches als solches hinfällig, denn ich brauche das Buch nicht, wenn ich ständig Ausnahmen vom Buch machen muss. Im zweiten Fall bediene ich das Buch und gegebenenfalls Erwartungen, die von außen an den Unterricht gestellt werden, aber der pädagogische Wert und der Nutzen für den Schüler bleibt fraglich.

INT: Und wie umgehst Du die Grenzen der Lehrbücher?

ND: Ich habe frühzeitig erkannt, dass die Motivationen und Interessenlagen der Schüler so unterschiedlich sind, weshalb ich mich dafür entschieden habe, keinem standardisierten Werk zu folgen (Wobei: „Was ist standardisiert?“, darf man an dieser Stelle fragen. Doch nur, was als status Quo auf dem Markt erhältlich ist.). Das bedeutet allerdings, dass ich für jeden Schüler das individuelle Entwicklungsstadium und -ziel definieren und im Auge behalten muss, denn danach gestaltet sich die jeweilige Unterrichtsstunde.

Natürlich will ich auch nicht das Rad neu erfinden, deshalb habe ich mir ein großes Repertoire an geeigneten Stücken gerade für den Einstieg ins Geigenspiel zurechtgelegt, die genau den Ansprüchen an musikalisches Erleben, Interesse und geigentechnische Bildung gerecht werden. Diese Stücke sind speziell darauf ausgerichtet, methodisch erarbeitet zu werden und bieten genügend Raum, auf unterschiedlichste Weise erfasst zu werden. Allein die Tatsache beispielsweise, dass die Stücke als Notenblätter und nicht als gebundenes oder geheftetes Buch ausgegeben werden, bietet viel pädagogischen Raum: Kinder malen gerne. Alles, was ihnen für das Stück wichtig ist zu wissen, können sie auf das Blatt malen. Seien es methodische Hinweise, Fingersätze, Bilder des Erlebten während des Spiels, die Möglichkeiten der Ausgestaltung sind vielfältig und werden genutzt. Dadurch setzt sich das Kind mit dem Material auseinander und kann sich auf seinem eigenen Weg dem Lied und der technischen Herausforderung nähern. Wehe, wenn ein elterlich gekauftes Buch bemalt werden würde! Da ist die Hemmschwelle doch viel größer, eben auch die Distanz schneller aufgebaut.

In der Quintessenz ist also entscheidend, wie der Unterricht inhaltlich und methodisch gestaltet wird und welches Ziel ich definiere. Da ist die individuelle Zusammenstellung von Unterrichtsmaterial von entscheidender Bedeutung, so etwas kann ein standardisiertes Lehrbuch allein nicht leisten.

INTERVIEW: Vielen Dank für diesen Einblick!

N.D.: Gerne. Hier möchte ich noch eine kleine Auswahl von Übungs- und Spielliteratur zeigen, die ich für den täglichen Gebrauch für sinnvoll erachte:

Leichte Stücke

  • Große Auswahl Irischer Tunes auf https://thesession.org
  • Folk Tunes unterschiedlicher Kulturen: http://voluntocracy.org/Music/tunes.html
  • Folkloretänze aus vielen Ländern: http://www.folkloretanznoten.de/

Für Fortgeschrittene:

  • Sitt, Schule der Geläufigkeit & Fingerfertigkeit
  • Etüden: Wohlfahrt, Kayser, Kreutzer
  • Fiorillo, Etüden & Capricen
  • Bach, Sonaten & Partiten

Weitere Literatur

  • Über traditionell arabische Musik, Maqams und das modale Tonsystem
  • Petrucci Music Library: https://imslp.org
  • MuseScore: Große Sammlung von Notenmaterial auf musescore.com

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